Endlich leben!
Fast zwanzig Jahre habe ich mein Leben in den Dienst der katholischen Kirche gestellt. Mit 21 Jahren verließ ich meine Heimatstadt, um katholischer Priester zu werden. Obwohl ich um meine Homosexualität wußte, wollte ich unbedingt in der Kirche arbeiten.
Also holte ich mein Abitur nach und studierte Theologie. Schon im kirchlichen Internat und im Priesterseminar meiner Diözese wurde mir klar, dass ich nicht der einzige mit schwuler Neigung war. Es wimmelte nur so von “Schwestern”. Manchmal hatte ich den Eindruck, in einem Bordell zu sein. Trotzdem ging ich den Weg weiter, weil ich dachte, dass es die richtige Entscheidung ist.
1999 ließ ich mich dann zum Priester weihen. Insgesamt 7 Jahre habe ich meinen Dienst mit Leidenschaft ausgeübt, habe alle Zweifel weggeschoben und meine tiefsten Sehnsüchte in meinem Innern begraben. Nur ab und zu kamen sie hoch. Dann suchte ich sie an zwielichtigen Orten auszuleben. Aber erstens waren diese Erlebnisse kurzen Glücks nie von Dauer und zweitens waren sie gefährlich für meine Gesundheit. Ich hätte mich fast mit Aids angesteckt.
Irgendwann habe ich meinen jetzigen Lebenspartner kennengelernt und so kam es, wie es kommen mußte. Im jahr 2007 war der Moment für eine Entscheidung gekommen. So wie bisher wollte und vor allem konnte ich nicht mehr weiterleben, weil ich merkte, dass ich an diesem Doppelleben langsam zerbrach.
Mutter Kirche konnte mit meiner Not nicht umgehen, sie ließ mich fallen. ich wurde suspendiert und wurde aus dem kirchlichen Dienst entlassen. Mir wurde klargemacht, dass ich nur wiederkommen durfte, wenn ich reumütig wäre. Aber darauf kann die Kirche lange warten.
Warum?
Weil ich jetzt frei bin! Seit zwanzig Jahren habe ich nämlich zum ersten Mal das Gefühl, endlich zu leben. Mein halbes Leben lang habe ich meine Homosexualität in der Kirche und für die Kirche versteckt. Paradoxerweise mußte ich mich und meine Neigung gleichzeitig vor ihr verbergen. Daran kann man letztlich nur zerbrechen, wenn man nicht irgendwann ehrlich zu sich selbst und zu anderen ist.
Ich bereue meinen Schritt nicht, weil ich endlich das gefunden habe, wonach ich mich so lange gesehnt habe: Den Menschen, den ich liebe und der mich liebt.
Ich muß mich nicht mehr verstecken für das, was ich bin. Das ist ein Gefühl, das nur der wirklich versteht, der es selbst durchlebt hat.
(Eingereicht von: Konstatin R.)