Zweifel als Lebensstrategie
Von jeher gab es gesellschaftliche Strömungen, man könnte auch sagen: Muster, nach denen Menschen denken und handeln.
In der noch recht überschaubaren kurzen Vergangenheit der letzten 15 bis 20 Jahre war es z.B. eine weit verbreitete Erscheinung, der Ökonomie das Wort zu reden.
Wertschöpfungskette, Prozessoptimierung, Gewinnmaximierung – um nur einige Begriffe zu nennen – prägten die öffentliche Diskussion auf der Ebene der verantwortlich handelnden Akteure in Politik und Wirtschaft. Daraus entwickelte sich in der Gesellschaft eine gewisse Anpassung im Meinungsbild, und der überwiegende Teil bemühte sich um adäquates Verhalten. Es war obsolet, sich am Aktienhandel zu beteiligen, private Altersvorsorge zu betreiben oder nach Schnäppchen zu jagen.
In Diskussionen am Arbeitsplatz oder im Freundeskreis bezog man Position zur New Economy, geprägt von der Hoffnung, am allgemeinen Erfolg teilzuhaben.
Die Blase platzte, und die Enttäuschung war tiefgreifend und weit verbreitet. Die Ökonomie reagiert nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten, Opfer gab und gibt es immer – das weiß man doch, oder? Da hat man nicht aufgepasst und war im wahrsten Sinne des Wortes der Dumme: vor sich selber wie auch vor anderen.
Parallel entwickelte sich die Globalisierung mit all ihren Folgen auf dem Arbeitsmarkt und den Auswirkungen auf unseren Sozialstaat. Gewollt oder nicht – wer kann diese Frage schon wahrhaftig beantworten? Den Fall der Mauer und die damit einhergehende Öffnung zum Osten – andere sagen dazu auch voller Siegesgewissheit ‘Verfall der sozialistischen Länder‘ – als alleinige Begründung heranzuziehen ist nicht ausreichend, eher ist davon auszugehen, dass die ökonomische Gier von einigen potenten Alpha-Tieren die Globalisierung maßgeblich voran getrieben haben. Ob in Anbetracht der vielfältigen negativen Folgen für einen Großteil der Weltbevölkerung sehenden Auges oder allein aus Antrieb und Neugier heraus, das bleibt dahingestellt. Und die Frage, ob die verschiedenen internationalen Konflikte, Krisen und Kriege damit im Zusammenhang stehen, ist wohl mit einem eindeutigen Ja zu beantworten – auch wenn die Beweislage zu diesem eindeutigen Ja mitunter dünn erscheint und uns die herrschende Medienwelt ethnische und religiöse Konflikte als Begründung liefert, das Bauchgefühl sagt uns etwas anderes.
Und mit diesem Bauchgefühl versucht der größte Teil der Gesellschaft sich im heutigen Leben zu recht zu finden: wem kann man noch glauben? Welche Prognose stimmt? Welche Partei vertritt ein glaubhaftes Konzept? Welche Bank oder Versicherung hält ihre Zusagen? Welcher Arbeitgeber ist ernsthaft an der Lage seine Mitarbeiter interessiert? Wer kümmert sich um das Klima, und wer löst die weltweiten internationalen Konflikte, Kriege? Und wer schafft es, den Terrorismus zu beenden?
Zu viele Fragen, zu viele Enttäuschungen, zu viele zerstörte Hoffnungen und Existenzen. Familien bzw. Beziehungen haben nur noch selten Bestand, Kinder sind in der Realität eher eine Belastung und Überforderung als eine Freude und Bereicherung. Da helfen auch nicht die viel gesprochenen Worte von der Bildungsrepublik und das unsere Kinder der wichtigste Rohstoff unserer Gesellschaft sind … da ist es wieder, das ökonomische Denkprinzip. Und unser Bauchgefühl sagt uns, dass da etwas nicht stimmt.
Die Werbung und ein Großteil der Medien – auch gesteuert von verantwortlichen politischen Meinungsmachern – versuchen uns Sand in die Augen zu streuen und uns den Schnuller der materiellen Zufriedenheit in den Schnabel zu schieben, doch auch das klappt nicht mehrt zuverlässig: immer mehr Menschen rutschen in schwierige wirtschaftliche, s.g prekäre Verhältnisse, immer mehr Menschen mit einem Arbeitsplatz bangen um denselben und sind sich nicht mehr sicher, in Zukunft ihren Status quo halten zu können. Es gibt nicht immer einen unmittelbar fassbaren Grund für diese Befürchtungen, doch die Realität der anderen zeigt uns, wie schnell es gehen kann. Und dann ist da wieder das Bauchgefühl: da stimmt was nicht.
Man will dieses Gefühl nicht wirklich in seinem Verstand haben, das würde ja Bewusstsein und Erkennen von Notwendigkeiten zu Veränderungen erzeugen, und da stehen uns sowohl die Bequemlichkeit wie auch der mangelnde Mut und die fehlende Tatkraft im Weg. Und überhaupt: sind nicht schon alle Ideen gedacht worden? Hat sich doch nicht immer wieder gezeigt, dass Visionen auch keine Lösungen sind? „Wer Visionen hat sollte zum Arzt gehen.“ (Helmut Schmidt über Willy Brandts Visionen im Bundestagswahlkampf 1980, zitiert im Spiegel 44/2002, S.26 )- auch wenn diese Äußerung schon viele Jahre alt ist, scheint sie in uns etwas bewirkt und gelähmt zu haben. Wer traut sich denn noch Visionen zu entwickeln? Und – ob allein durch dieses Zitat oder auch durch viele andere Entwicklungen in den letzten Jahren – seit einiger Zeit ist es Mode geworden, alles in Frage zu stellen. Ob Ideen, Konzepte oder gar Visionen – kaum ein Gedanke ist gedacht, schon wird er seziert und zum Teil mit erschütternder Genüsslichkeit vom politischen Gegner oder den meinungsstarken Medien zerstört. Ein Gedanke, eine Idee haben keine Chance mehr – durch die zerstörerische Kraft der vermeintlichen Rationalität wird eine Weiterentwicklung verhindert.
Aber nicht nur Neues wird in Frage gestellt. Egal, ob es um die Glaubwürdigkeit von Menschen geht oder um die Sinnhaftigkeit von Gesetzen, Regeln, Normen oder um ethisch-moralische Positionen. Auch egal, ob es um die handelnden Akteure in Politik, Wirtschaft, Kirche, Gemeinwesen geht; auch zwischenmenschliche Angelegenheiten werden immer mehr in Frage gestellt – es ist vielerorts üblich zu zweifeln, und seinem Zweifel auch Ausdruck zu verleihen. Das ist modern, man meint ehrlich zu sein und glaubt, damit seinen Durchblick von Zusammenhängen dokumentieren zu können. Man macht sich unabhängig von der eigenen Verantwortung, man stiehlt sich aus dem sozio-ökonomischen Zusammenhang, den unsere Gesellschaft ausmacht. Was ist die Folge von solch einem neuem und weit verbreitetem Denkmuster für jeden Einzelnen und für die Gesellschaft? Die Zukunft lässt sich nicht vorhersagen, aber es lässt sich mitunter erahnen, dass wir auf der Stelle treten und es mit großer Treffsicherheit schaffen, Chancen und Neuentwicklungen abzuwehren, anders formuliert:
Den Zweifel zur Lebensphilosophie zu erklären, das ist, als wählte man den Stillstand als Transportmittel (Yann Martel, Schiffbruch mit Tiger, Roman 2001).
Autor: <a href=”http://www.contentworld.com/authors/profile/7035″ rel=”nofollow” target=”_blank”>JayCy</a>